Soziale Marktwirtschaft statt Kapitalismus - Von der Volkswirtschaft und vom Gelde

Goethes „Faust II“ enthält eine der hellsichtigsten Szenen zur modernen Geldordnung: „Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.“ Aus Papier wird scheinbar Reichtum, aus Staatsnot scheinbar Handlungsfähigkeit. Genau darin liegt die Aktualität dieses Buches. Die 2025 beschlossenen neuen Kreditermächtigungen — insbesondere das Sondervermögen von 500 Milliarden Euro und die Ausnahme bestimmter Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse — zeigen, dass die alte wirtschaftspolitische Ordnung an ihre Grenzen gelangt ist. Neue Schulden können sinnvoll sein, wenn sie reale Wertschöpfung, Infrastruktur, Produktivität und gesellschaftlichen Wohlstand schaffen. Werden sie jedoch zur Überdeckung von Investitionsstau, Standortkrise, Rüstungslasten und Fehlsteuerungen der Euro- und Finanzordnung genutzt, dann wird die Soziale Marktwirtschaft nicht erneuert, sondern weiter ausgehöhlt. Entscheidend ist daher nicht die bloße Höhe der Schulden, sondern ob Geld wieder der Realwirtschaft dient — oder ob die Realwirtschaft weiter dem Geldsystem unterworfen wird.

Goethe hat in „Faust II“ die Versuchung staatlicher Geldschöpfung literarisch präziser beschrieben als viele ökonomische Lehrbücher: „Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.“ Aus einem Stück Papier wird scheinbar Reichtum, aus Zahlungsnot wird scheinbar Handlungsfähigkeit, aus Verschuldung wird scheinbar Zukunft. Doch gerade diese Szene zeigt die Ambivalenz moderner Geldordnungen: Geld kann produktive Kräfte freisetzen — oder Illusionen erzeugen, die erst später in Inflation, Vermögensverschiebungen und realwirtschaftlicher Zerstörung sichtbar werden.

Diese Frage ist heute wieder hochaktuell. Die 2025 beschlossenen neuen Kreditermächtigungen, insbesondere das Sondervermögen von 500 Milliarden Euro und die weitgehende Herausnahme bestimmter Verteidigungsausgaben aus der Schuldenbremse, markieren einen wirtschaftspolitischen Einschnitt. Sie werden als Investitions- und Sicherheitsprogramm begründet, können aber zugleich als spätes Eingeständnis gelesen werden, dass die bisherige Politik aus Sparzwang, Investitionsstau, Euro-Konstruktion, Standorterosion und finanzpolitischer Selbstbindung gescheitert ist. Wenn neue Schulden produktive Investitionen, Infrastruktur, Energieversorgung, Bildung, technologische Souveränität und reale Wertschöpfung ermöglichen, können sie ökonomisch sinnvoll sein. Wenn sie jedoch vor allem bestehende Haushaltslöcher, Rüstungsausgaben, Fehlallokationen und die Folgekosten früherer Fehlentscheidungen verdecken, setzen sie nur Goethes Papiergeldszene mit modernen Mitteln fort.

Damit gewinnt die Grundthese dieses Buches neue Dringlichkeit. Die Krise der Sozialen Marktwirtschaft besteht nicht nur in zu wenig Geld, sondern in der falschen Ordnung des Geldes. Entscheidend ist nicht, ob der Staat Schulden macht, sondern wofür, zugunsten wessen und unter welcher wirtschaftlichen Gesamtordnung. Eine Politik, die Finanzforderungen, Vermögenspreise, Rüstungshaushalte und institutionelle Rettungsmechanismen stärkt, ohne die Realwirtschaft, den Mittelstand, Arbeitseinkommen, produktive Investitionen und öffentliche Infrastruktur dauerhaft zu erneuern, führt nicht zurück zur Sozialen Marktwirtschaft. Sie verlängert nur den Weg in eine Rentier- und Schuldenökonomie.

 

  • Reiner Oppitz und Martin Weigele, „Soziale Marktwirtschaft statt Kapitalismus – Von der Volkswirtschaft und vom Gelde“, BoD-Verlag, November 2014, 408 Seiten. Es ist erhältlich als:

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